Wenn Sie in einer Gemeinde aufgewachsen sind, haben Sie den Ausdruck „Furcht des Herrn“ hunderte Male gehört. Aber die meisten Menschen tragen ein subtiles Missverständnis darüber, was es bedeutet — entweder stellen sie sich furchtsames Zittern vor einem zornigen Gott vor, oder sie tun es stillschweigend als altertümliche Sprache ab, die eigentlich nur „Respekt” meint.
Beides trifft nicht ganz zu. Das hebräische Wort hinter diesem Ausdruck, jirʾah, trägt eine Bedeutung, die eher dem Überwältigtwerden von Größe ähnelt — so wie man sich am Rand des Grand Canyon fühlt oder wenn man beobachtet, wie ein Gewitter über offenem Wasser aufzieht. Keine Angst. Ehrfurcht.
Der Zusammenhang mit Weisheit
Die Sprüche verbinden die Furcht des Herrn mit Weisheit, nicht mit Schrecken. In Sprüche 9,10 ist sie der „Anfang“ der Weisheit — kein Gefühl, aus dem man herauswächst, sondern eine Haltung, in die man hineinwächst. Wer Gott fürchtet, hat eine richtige Sicht der Wirklichkeit: Er versteht, wer er im Verhältnis zu Gott ist.
Wie es in der Praxis aussieht
Die Furcht des Herrn zeigt sich darin: sich mehr darum zu kümmern, was Gott denkt, als was Menschen denken. Entscheidungen im Blick auf die Ewigkeit zu treffen. Ehrlich zu sein, wenn niemand zuschaut. Das Gebet mit Gewicht und nicht mit Leichtigkeit anzugehen. Es ist das Gegenteil davon, auf Gottes Gnade zu vertrauen — ihn zu behandeln, als ob er Ihnen etwas schulde.
Die neutestamentliche Dimension
Jesus hat dieses Konzept nicht abgeschafft — er hat es vertieft. Er sagte: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann“ (Matthäus 10,28). Gleichzeitig sagt Römer 8,15, dass wir nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen haben, der wieder zur Furcht führt — wir haben einen Geist der Kindschaft empfangen. Die Spannung ist real: Wir fürchten Gott als Herrn und laufen zu ihm als Vater. Beides ist wahr.
Die Furcht des Herrn ist nicht unvereinbar mit Liebe. Tatsächlich wachsen beide umso mehr zusammen, je mehr man Gott kennt — seine Heiligkeit, seine Gerechtigkeit, seine Macht und seine Gnade. Man kann jemanden nicht wirklich lieben, den man nicht ernst nimmt.
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